Singapore
Grossstadt-Laster
am Ende des Kontinentes, Schiffssuche, Swissclub
und ein Putz-Marathon
Sonntag, 16. Januar, 248. Reisetag: Früh am morgen reihten wir uns in die Autoschlange vor dem Grenzübergang. Stossstange an Stossstange stauten sich die Fahrzeuge mit malayischen Nummerschildern auf dem Weg nach Singapore. Waehrend die Malaysier einfach durchgewinkt wurden, mussten wir wieder die üblichen Sonderbehandlungen über uns ergehen lassen. Das Abstempeln des Zolldokumentes auf malaysischer Seite war zum Glück nur eine Formsache, dauerte aber trotzdem fast eine Dreiviertelstunde.
Am neuen, superfuturistischen „New Woodland“ Checkpoint in Singapore hatten wir das Pech, an den einzigen schlecht gelaunten Beamten zu geraten. Er beharrte darauf, dass unser Fahrzeug ein Caravan sei (so unrecht hatte der gute Mann damit ja nicht…) und wir deshalb nur mit einer Bewilligung des Transportministeriums einreisen dürften. Ganz sicher war er jedoch nicht und deshalb verkrümmelte er sich vorsichtshalber in die Frühstückspause… Seine Kollegen nahmens weniger genau: Sie stempelten unser Carnet de Passage ab und wünschten uns gute Fahrt.

Eine topmoderne Autobahn brachte uns in weniger als einer halben Stunde ins Stadtzentrum der lebhaften Wirtschaftsmetropole Singapore. Mit dem Lonely Planet-Reiseführer auf den Knien, lotste ich Mario in die „Hotelgegend“. Campingplatz gibts keinen in Singapore und die Suche nach einer geeigneten Unterkunft erwies sich als sehr schwer. „Normale“ Hotels sind unheimlich teuer, mit Preisen die irgendwo bei 150 Dollar pro Nacht anfangen und die billigen Pensionen befinden sich meist auf Etage XY in einem Hochhaus, vor dem es keine Möglichkeiten gab, um unser Auto zu parken.
In der Bencoolen Street wurden wir dann aber doch fündig. Eingeklemmt zwischen Hochhäuser hatte ein kleines chinesisches Gasthaus überlebt, welches über einen herrlich grossen Hof verfügte, in dem wir den Landcruiser sogar quer parkieren konnten. Das Zimmer war eine bessere Besenkammer, mit quietschendem Bretterboden und Bettlaken, die nach Mottenkugeln rochen. WC und Dusche (nur kalt - und zwar eiskalt!) befanden sich auf dem Gang und dafür bezahlten wir noch immer happige 50 Singapore-Dollar pro Nacht.
Dass unser Aufenthalt in Singapore so oder so teuer werden wird, merkten wir gleich nach unser Ankunft, als wir uns auf „Erkundungstour“ durch die üppigen Einkaufsstrassen begaben: Ein Shoppingcenter reiht sich ans nächste, das Angebot an Waren ist gewaltig und es gibt einfach alles zu kaufen was das Herz begehrt. Mario, der schon seit langem mit einem Weltempfänger-Radio und einer neuen Kleinkamera liebäugelte, machte sich so gleich ans Preisvergleichen, während ich mich auf die Suche nach einem Ersatz für meine ausgelatschten Timberlands begab…
Am nächsten Tag, es war Montag, stellten wir das Shopping-Vergnügen aber wieder ein und machten uns daran, dass Verschiffen unseres Autos nach Australien zu organisieren. Singapore ist einer der grössten Häfen der Welt, was die Sache auch nicht übersichtlicher machte! Zum Glück hatten wir und bereits mit Hilfe der „Shipping Times“, welche uns Patrick Comboeuf in Kuala Lumpur aufgetrieben hat, einen Überblick über die verschiedenen Frachterlinien, welche regelmässig nach Australien fahren, verschafft. Auch über die Tarife waren wir einigermassen im Bilde, ausserdem hatten wir herausgefunden, dass die meisten Shipping-Lines ihr Hauptquartier in Singapore im World Trade Center am Hafen haben.
Um keine Zeit zu verlieren, nahmen wir ein Taxi dorthin und standen wenige Minuten spaeter der Firma „Jardine“ auf der „Welcome“-Matte. Höflich erklärten wir der Empfangsdame, dass wir gerne einen Container mieten würden, um unser Auto nach Australien zu verschiffen. Sie schaute uns etwas verdutzt an, murmmelte etwas wie „das ist nicht so einfach“ und hiess uns, Platz zu nehmen. Einige Minuten später sassen wir Lily Tay, einer asiatischen „Businesswoman“ gegenüber und erklärten ihr unser Anliegen. Innert weniger Minuten hatte sie die die Tarife für den Container, sowie die verschiedenen Handling- und Hafengebühren für uns herausgesucht. Allerdings riet sie uns davon ab, den ganzen Papierkrieg in Singapore auf eigene Faust durchzuführen und sagte, es wäre wesentlich einfacher für uns, über das Büro eines Spediteurs zu gehen. Sie konnte uns auch gleich einige Adressen von renommierten Firmen angeben.
Wir schauten auf unserem Stadtplan, welcher Spediteur in der Nähe ist und standen keine halbe Stunde später im nächsten Büro. Dieses gehörte Peter Tan von der Firma G Link Express, der sich auch sogleich als „Macher“ erwies und unsere Angelegenheit sofort in die Hände nahm. Er organisierte und telefonierte und ehe wir uns versahen, hatten wir einen Verladetermin für unser Auto! Und dass obwohl die Schiffe nach Australien für die nächsten Wochen (!) ausgebucht waren. Aber Peter Tan konnte einige weniger dringliche Warensendungen anderer Kunden verschieben und so unserem Auto einem Platz auf dem Frachter APL Emerald verschaffen, der Singapore bereits in einer Woche mit Ziel Australien verlassen wird.
Nur in einem Punkt konnte er uns nicht weiterhelfen: Wir wollten unbedingt auf dem Frachter, der unser Auto nach Australien bringt, mitreisen und mussten deshalb bei der Frachterlinie APL direkt vorsprechen. Also reisen wir im Bus ans andere Ende der Stadt, um wieder eine Empfangsdame aus dem Konzept zu bringen. Es ist wohl wirklich nicht mehr üblich, dass Passagiere auf Frachtschiffen mitreisen… Nachdem die Dame mit der Marketingabteilung (!) Rücksprache genommen hatte, erhielten wir eine Audienz beim Chef-Kaptiän von APL höchstpersönlich. Kapitän Anthony Khoo konnte sich weder die Neugier noch das Lachen verkneifen: Warum in aller Welt wollen diese zwei Langnasen 13 langweilige Tage auf einem Frachter auf hoher See verbringen?
Wir erzählten ihm von unserer Overland Expedition und dass es uns sehr viel bedeuten würde, mit unserem Auto nach Australien zu reisen. Kapitän Khoo zeigte Verständnis für unseren Wunsch, sagte aber auf die subtile, asiatische Art „nein“ und zwar ohne dieses Wort auch nur in den Mund zu nehmen. Er verstrickte sich in einer Entschuldigung bestehend aus Argumenten wie „keine Duschen für Frauen an Bord“, „internationale Sicherheitsbestimmungen“ und „zu grosses Risiko für unsere Gesellschaft“.
Da half es auch nichts, dass Mario versprach, sich für die Zeit der Überfahrt in den Maschinenraum zu verdingen und ich mich zum Kartoffelschälen und Plankenscheuern anbot. Der Chef-Kapitän blieb freundlich aber bestimmt und so klapperten wir schon bald die Reisebüros ab, um einen günstigen Flug von Singapore nach Sydney zu ergattern.
Das erwies sich als gar nicht so einfach, weil chinesisch Neujahr vor der Türe stand, und offenbar alle Chinesen für ein paar Tage nach Australien verschwinden wollten. Schliesslich bekamen wir einen einfachen Flug für am 27.Januar mit der mittelöstlichen Fluggesellschaft „Gulf Air“ für 520 Franken.
Bevor es aber so weit war und wir uns gemütlich in ein Flugzeug setzen konnten, gab es für uns noch eine Menge zu erledigen.
Wir hatten per Email eine schriftliche Einladung des Swiss Club in Singapore bekommen (bis heute wissen wir nicht, wie die an unsere Email-Adresse gelangt sind!) und vereinbarten ein Treffen mit Ron Davis, General Manager des Swiss Clubs und – Brite! Zuerst schauten wir noch bei der Schweizer Botschaft rein, die sich an der selben Strasse, der Swiss Club Road, befand.

Voll Freude stürzten wir uns auf die zahlreichen Briefe und späten Weihnachtsgrüsse (Danke an alle, die uns geschrieben haben!), so dass wir fast unserem Termin im Swiss Club vergassen.
Als wir dann dort eintrafen, blieb uns jedoch fast die Spuke weg! Wir hatten einen kleinen düsteren Clubraum erwartet und waren – nach dem uns der uniformierte Pförtner Einlass gewährt hatte - überwältigt von der sensationellen Anlage mit Garten, Swimmingpool, Tennisplätzen, Clubhaus, Restaurants usw. usw.! Wir unterhielten uns mit Ron Davis über unserer Reise und durften dannach im Club-Restaurant ein herrliches Mittagessen geniessen: Züri Gschnätzelts mit Rösti – hmmm!
Neben solch angenehmen „Verpflichtungen“ und einem ganzen Tag im Internet-Café blieb auch noch ein bisschen Zeit um uns Singapore anzusehen, die Vergnügungsinsel „Sentosa“ zu besuchen, die berühmten Chili-Krabben zu essen und alle „erforderlichen“ Einkäufe zu erledigen. Das dauerte so bis Ende Woche und dann hiess es für uns auch wieder „arbeiten“ und zwar ziemlich hart.
Am Montag mussten wir unser Auto zum Einladen an den Hafen bringen und es vorher noch für die australischen Quarantänebehörden auf Hochglanz bringen.
Kein Grashalm, kein Klümpchen Dreck, keine Ameisenleiche durfte mehr an unserem Landcruiser kleben, wenn er die strenge Quarantäne-Kontrolle bestehen will. Die Australier sind in diesem Punkt zu recht ziemlich pingelig, haben sie es dank den den strengen Vorschriften doch geschafft, ihren Kontinent weitgehend von eingeschleppten Krankheiten und Seuchen zu schützen.
Da in und an unserem Auto aber noch Spuren von ungarischen Pferdeäpfeln, sibirischer Erde, Sand aus der Wüste Gobi, malaysischem Schlamm und Pflanzenreste aus dem thailändischen Dschungel zu finden waren, hiess es für uns putzen, schrubben und polieren, polieren, schrubben und putzen!
Unter den neugierigen Blicken der Passanten, rackerten wir im Hof des Hotels drei Tage lang wie die Wilden, veranstalten eine riesige Wasserschlacht und brachten mehrere Packungen Putzmittel und Scheuerschwämmchen durch.

Wir begannen mit dem Innenraum, bauten alles aus, was sich ausbauen liess und entdeckten in manchen schmalen Ritzen noch roten Staub aus der Zeit, welche der Landcruiser mit seinen Vorbesitzern Edith und Alex Schneebeli im australischen Outback verbrachte. Mit Chemikalien rückten wir den frechen Ameisen, die sich an unsere Vorräte machen wollten, auf dem Leib. Dann holten wir sämtliche Kisten und Kanister vom Dach und ich befreiten sie von dichten Staublagen, während Mario mit dem Schmutz im Motor und der Fahrzeugunterseite kämpfte. Am Sonntagabend – mittlerweile klebte der ganze Dreck an unseren Kleidern, die Schultern schmerzten und die Hände waren rot und aufgerissen von Wasser und Putzmittel – hatten wir es endlich geschafft: Der „Troppi“ strahlte und glänzte - fast wie neu!
Der Himmel verschonte uns zum Glück von nächtlichen Regenschauern und wir konnten am Morgen mit einem blitzblanken Auto zum Hafen fahren. Ueberpünktlich (…eine Stunde vor der verabredeten Zeit…) standen wir am Gate und warteten auf Mr. Vasu, den Mann von unserer Spedition.
Das eigentliche Verladen war dann (leider?) sehr unspektakulär und wir kamen nicht mal in die Nähe eines Schiffes. Nein, dafür folgten wir einem Gabelstapler zu einem riesigen Lagerhaus, wo bereits ein alter, rostiger Container mit der Aufschrift „ANL“ auf unser Auto erwartete. Mario konnte geradewegs hineinfahren, dann zog er den Zuendschlüssel und hängte zur Sicherheit noch die Autobatterie ab – das wars dann auch schon! Ein paar flinke Asiaten sicherten das Auto noch rasch mit Seilen und nagelten Holzlatten hinter die Reifen, damit es auch bei rauher See nicht im Container hin- und hergeworfen wird. Dann wurden die Container-Türen geschlossen und verplombt und zum ersten Mal seit 256. Reisetagen waren wir nun für längere Zeit von unserem „Heim auf Rädern“ getrennt.
Mit gemischten Gefühlen warteten wir, bis wir drei Tage spater unseren Flug nach Syndey antreten konnten: Auf der einen Seite waren wir glücklich, ohne Probleme bis an den äussersten Rand des asiatischen Kontinentes gelangt zu sein und freuten uns auf Australien, auf der anderen Seite war uns bewusst, dass wir das Ende des ganz grossen Abenteuers, der Ueberlandfahrt von Zürich nach Singapore, erreicht hatten. Australien ruft!