Australien

  Sydney, "Pink Slip", Country-Mekka und Aboriginals 

Donnerstag, 27.Januar 2000, 259. Reisetag, Singapore lag hinter und nach einigen Flugstunden tauchte endlich die Linie der australischen Westkueste aus dem tiefen Blau des indischen Ozeanes auf. Mario und ich drückten unsere Nasen an dem kleinen, runden Fenster platt und folgten dem schwarzen Schatten, welcher unser Flugzeug auf die rote Erde warf.

Dann und wann durchschnitten Schotterpisten, die von oben wie feine, dünne Adern aussahen, die weiten Ebenen. Ein wohliger Schauer lief über meinen Rücken: Bald würden wir auch wir da unten sein und durch die steinigen Wüsten fahren, über roten Sand und vorbei an schroffen Gebirgszügen - unser Landcruiser ein kleiner, gelber-weisser Punkt in den unendlichen Weiten des australischen Outbacks.

"Chicken or beef?" – mit einem freundlichem Lächeln riss uns die verschleierte Stewardess aus unseren Tagträumen, von der Freiheit im Outback zurück in die engen Sitze der orientalischen Fluggesellschaft, die wir nur deshalb gewählt hatten, weil ihre Tickets für den Flug von Singapore nach Sydney am billigsten waren. Während wir assen, hatte die Abendsonne den Himmel zuerst in flüssiges Gold getaucht, dann mit den verschiedensten Violett-Schattierungen überzogen, bevor sie endgültig am Horizont verschwand.

Als der Pilot zum Landeanflug ansetzte, war es stockfinster und unter uns breitete sich die Stadt Sydney wie ein Teppich aus glitzernden Lichtern aus. Sanft setzte die Boeing nach 7,5 Stunden in der Luft auf der Rollbahn auf: Der erste Kontakt mit australischem Boden – dem erklärten Ziel unserer grossen Reise!

In der Ankunftshalle herrschte hektisches Treiben und der ganze Flughafen, der für die Olympischen Spiele "aufgemöbelt" wird, glich einer einzigen Baustelle.

Der australische Immigration-Officer murmmelte ein kaum verständliches "G’day" und stempelte unser Halbjahres-Visum ab. Keine Warterei, keine Fragen, keine Schikanen – die westliche Welt hatte uns wieder!

An einem Informationsstand deckten wir uns ein mit zahlreichen Flugblättern von "Backpackers", das sind günstige Absteigen, die wohl am ehsten mit unseren Jugendherbergen zu vergleichen sind.

Wir schulterten unsere Rucksäcke und machten uns auf die Suche nach dem Bus ins City Center. Unser Ziel war der belebte Stadtteil Kingscross, eine amüsante Mischung aus Rotlichtviertel und Rucksacktouristen-Zentrum. Wir klapperten ein Backpacker nach dem anderen ab und mussten schon bald feststellen, dass wir hier nicht so günstig unterkamen, wie wir gehofft hatten. Ein Bett im "Massenschlag" wäre zwar durchaus schon für 12 bis 15 Dollar pro Nacht zu haben gewesen, aber ein kleines bisschen Privatsphäre wollten wir uns schon gönnen. Den besten Deal fanden wir schliesslich in der "Springfield Lodge", einem kleinen rosafarbenen Guesthouse in einer Seitenstrasse.

Wir warfen unsere Rucksäcke auf das quietschende Bett und obwohl es mittlerweile fast Mitternacht war, stiegen wir in ein Taxi und liessen uns zum hellerleuteten Opernhaus, dem Wahrzeichen von Sydney bringen.

  

Ehrfürchtig standen wir vor dem 1973 fertiggestellten archetektonischen Meisterwerk, dass je nach Blickwinkel an eine Narrenkappe oder an sich paarende Schildkröten erinnert.

Obwohl uns ein kalter Wind um die Ohren pfiff, wurde uns warm uns Herz: Noch heftiger als im Flugzeug drang es in unser Bewusstsein: Wir waren da. In Australien. Auf der anderen Seite der Erde. Da wo alles einbisschen anders ist. Wo an Weihnachten Hochsommer ist, das Wasser beim WC-Spühlen in die andere Richtung dreht und manche Fahrstrecken noch immer anhand der konsumierten Bierdosen gemessen werden.

Wir brannten darauf diesen Kontinent zu entdecken, aber noch fehlte das wichtigste Mitlied unser Expedition: Das Auto. Diese schaukelte (hoffentlich) noch immer im Bug eines grossen Frachtschiffes auf den Wellen des indischen Ozeans und sollte den Hafen von Botany Bay erst in zehn Tagen erreichen.

Also blieb uns genug Zeit, um Sydney zu entdecken und die Ankunft des Landcruisers zu organisieren. Um uns das Letztere zu erleichtern, hatte uns Peter Tan, der Spediteur aus Singapore, eine Adresse von einem seiner Geschäftspartner in Syndey gegeben.

Ich rief ihn gleich am nächsten Morgen an und er bestätigte mir, dass er das Fax von Peter Tan mit all den Angaben erhalten habe. Er arbeite an unserem "Fall" und werde sich bei uns melden. Na wunderbar, dachten wir uns und genossen die nächsten paar Tage.

Wir machten einen ein paar ausführliche Einkaufsbummel in der geschäftigen George Street, gingen ins Kino, probierten ein paar Pubs und einheimische Lokale aus, beantworteten Emails in einem der zahlreichen Internetcafes in Kingscross, flanierten durch den belebten Darling Harbour oder den alten Stadtteil "The Rocks". Dieses Viertel spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Stadt. 1788 errichteten die Siedler der "First Fleet" hier unter Gouverneur Phillip einige Behelfsbauten. Sträflinge mussten anschliessend in mühevoller Arbeit stabilere Häuser aus grob behauenen Steinen erstellen und Strassen aus dem dem harten Fels schlagen. Um 1900 brachen in dem von Ratten bewohnten und von Banden beherrschten Slumgebiet Seuchen aus. Heute ist "The Rocks" eines der schönsten, saubersten und vor allem teuersten Viertel von Sydney.

Wir machten auch einige Abstechener in die nährere Umgebung, sahen uns einen Triathlon in Manly Beach an, assen frisch gekochte Meeresfrüchte bei "Doyle’s" in Watson Bay und verbrachten einen Tag am berühmten Bondi-Beach.

Fast wie in den Ferien…

Die Tage vergingen schnell und vor allem ohne Nachricht von unserem Spediteuer. Bei meinen regelmässigen "Kontrolltelefonen" wurden wir jeweils auf morgen oder übermorgen vertröstet. Das ging über eine Woche so – und dann platze mir der Kragen. Ich wurde ein kleines bisschen laut, worauf uns der Spediteur endlich die geforderte Offerte faxte. Als wir lasen, dass er unverschämte 1500 Dollar dafür verlangt, dass er unser Auto durch Zoll und Quarantäne schleusst, wurde ich noch lauter und wir beschlossen den Agenten dahin zu schicken, wo der Pfeffer wächst.

Natürlich war uns bewusst, dass wir nun ziemlich viel Papierkram am Hals hatten, aber es wäre ja gelacht, wenn wir dass nicht schaffen würden. Aber wo anfangen?

Die Zeit drängte und wir hatten keine Ahnung, wie vorgehen. Also setzten wir uns kurzerhand in den Bus und fuhren nach Botany Bay – mal sehen, ob der Frachter - und damit auch unser Auto - schon angekommen ist. Der "Hafen" sah eher aus wie ein Schwerindustriegebiet, überall Stacheldraht, Wachhunde und Schilder mit der Aufschrift "Zutritt verboten". Wir marschierten kurzerhand in die erstbeste Baracke – zufällig gerade eine der Quarantänestationen – und schilderten unser Anliegen. Wir wurden nicht gerade ausgelacht, aber ganz höflich darauf aufmerksam gemacht, dass uns noch eine ziemliche Lauferei bevorstand, bevor wir unser Auto wiederkriegen.

Der Quarantäne-Mensch schickte uns quer über die Strasse, wo eine Transportfirma zu Hause war. Den irgendwie musst der Container mit unserem Auto drin ja erstmal aus dem Schiff ausgeladen und dann zu Zoll und Quarantäne gebracht werden.

Also klopften wir bei den Transpörtlern an. Diese hatten gerade "Znüni-Pause" und wir durften unseren Wunsch vor versammelter Mannschaft erzählen. Natürlich hagelte es Sprüche und witztige Bemerkungen, aber einer der rauhen Männer in kurzen Hose stand auf, sagte "Hey, listen, guys" und erklärte uns dann freundlich und vor allem Schritt für Schritt, wie wir vorgehen mussten.

Innert 5 Minuten wussten wir all das, was uns der Agent mit 1500 Dollar in Rechnung stellen wollte! Wir buchten gleich den besagten Transport für 150 Dollar (komisch, der Agent hatte 450 Dollar verlangt…) und fingen dann an zu rotieren. Wir hetzten die 20 km zurück in die Stadt, wo wir die Frachtdokumente von der Schiffsfahrtgesellschft abstempeln und uns eine "Order of Delivery" (Lieferungsanordnung) ausstellen liessen.

Am nächsten Tag steuerten wir frohen Mutes unsere nächste Destination, das Zollhauptgebäude, an. Dort wurden wir von einem Büro ins andere geschickt, bis wir schliesslich vor Janet standen, ihres Zeichens Supervisor der Abteilung Cargo Examinations. Sie erklärte uns, dass der Australian Custoums Service einen "Hold" auf unser "Objekt" (Frechheit unser Auto so zu bezeichnen!) gelegt hatte. Wieso und warum konnte uns keiner sagen, aber de facto bedeutete es, dass wir den Transport des Containers aus dem Hafengelände und die Quarantäne-Inspektion nicht vorher organisieren konnten.

"Container is not allowed to move" – hiess es beim Zoll trocken, wahrscheinlich wollten sie ihn auf Herz und Nieren überprüfen. Toll – da sasssen wir also mit gebundenen Haenden und keiner konnte uns sagen, wann dieser Hold auf unserem Auto aufgehoben wurde.

"Oh, das kann Tage dauern", meinte Janet stoisch. Ich rächte mich, in dem ich sie in den nachsten zwei Tagen stündlich anrief, um zu fragen, ob der "Hold" nun endlich aufgehoben wurde. Am dritten Tag hatten wir genug von der weiteren Warterei (nicht vergessen: Wir hocken ja schon über 2 Wochen in Sydney!) und marschierten wieder zu Janet ins Buero.

Sie liess uns zuerst eine Dreiviertelstunde lang warten, dann ging aber alles sehr rasch: Sie sagte, sie wuerde uns die Freigabe des Fahrzeuges auf den Nachmittag garantieren und gab uns eine provisorische Verfuegung, so dass wir an selben Tag noch Quarantäne und Transport organisieren konnte. Wir hatten Glück: Am Nachmittag fuhr ein Lot Lastwagen runter zur Wharf und nahm unser Auto gleich mit. Wir wetzten wieder quer durch die ganze Stadt und organisierten Ausladen und Quarantäne für den nächsten Morgen um 7 Uhr.

Weil unser "Container Park", also das Ort, wo die Fracht ausgeladen und kontrolliert wird, ziemlich ausserhalb der Werft lag, bekamen wir problemlos Zutritt zum Gelände und durften das Abladen auch selber machen, was uns einen Teil der horrenden "Unloading"-Gebühren sparte. Abladen hiess bei uns ja auch nur: Batterie anhängen, Schlüssel im Zündschloss drehen und rückwärts rausfahren.

Dafür mussten wir die "Vernichtung des Verpackungsmateriales" bezahlen, welches aus dem asiatischem Holz bestand, welches in Singapore zur Stabilisation hinter die Räder unseres Autos genagelt wurde.

Bei der Quarantäne lief es ebenfalls wie am Schnürchen, wobei dies wohl auch unser Verdienst war: Wir hatten das Auto so sauber geputzt, dass der strenge Herr von der Quarantäne nichts zu beanstanden hatte, obwohl er sich in seinen scharf gebügelten Bundfaltenhosen unter das Auto legte (!) und mit den Finger sorgfältig jede Ritze im Radkasten abtastete.

Anschliessend mussten wir noch eine unserer Transportkisten öffenen – und nein, es war nicht eine der Kisten mit den unschuldigen Ersatzteilen, sondern prompt die mit den restlichen Lebensmitteln aus Europa und Asien! Als ob er geahnt haette! Er schnappte sich die letzte von Marios geliebten "LeParfait"-Tuben, drehte sie in den Fingern und wollte wissen "what the hell is this?" Aber da wir weder frische Sachen, noch Fleisch- oder Milchprodukte dabei hatten, durften wir alle Lebensmittel behalten.

Keine zehn Minuten später sassen wir endlich wieder in unserem Landcruiser und fuhren die ersten Meter auf australischen Strassen!

Der Weg führte uns gleich in eine Garage, wo unser Auto den "australischen Strassensicherheitstest" bestehen musste. Ohne diesen gab es keinen "pink slip" und ohne diesen rosa Zettel gab es keine australische Zulassung und ohne diese keine (legale) Fahrt durch Australien…

Gleich die erste Werkstatt bei der wir anfragten, war authorisiert einen solchen Test durchzuführen, ausserdem hatten sie auch gerade Zeit. Der nette Mechaniker Nick, ein italienischer Einwanderer, klopfte unser Auto ab, prüfte Blinker und Standlicht, kontrollierte die Motor- und Chassisnummer, versicherte sich, dass wir auch ja Sicherheitsgurten in unserem Auto haben und führte anschliessend mit Mario auf einer Teststrecke im nahen Industriegebiet einen wahnwitzigen Bremstest durch. Bei Tempo 40 musste Mario eine Vollbremsung ausführen und das vier oder fünf Mal weil Nicks altertümliches Testgerät irgendwie streikte. Nachdem der Landcruiser mehrere "Schwarze" liegengelassen hatte, erklärte Nick den Test aber für bestanden und wir bekamen den begehrten "Pink Slip."

Blieb uns als letztes noch der Weg zur Roads and Traffic Authority, dem Strassenverkehrsamt, wo ein überforderter Schalterbeamte ("sorry, its the first time I do this!") uns eine "befristete Erlaubnis für ein ausserhalb Australien registrierten Fahrzeuges" inklusive Versicherung ausstellte!

Nach diesem "Behördenmarathon" hielt uns natürlich nichts mehr in Sydney: Wir fuhren zurück nach KingsCross, packen unser Zeug zusammen und am nächsten Morgen verliessen wir die Stadt über die berühmte Harbour Bridge in Richtung Küste.

Viel Zeit hatten wir für unsere erste Entdeckungstour nicht: In 3 Wochen wollten wir wieder zurück in Sydeny sein, um meine Eltern zu begrüssen, die ein paar Wochen mit uns Ferien machen werden.

Vorerst genossen wir es aber, wieder mit unserem treuen Auto vereint zu sein – und wir konnten es sogar ziemlich intensiv geniessen, da es in Strömen regnete…

Den ersten Abend verbrachten in einer grossen Regenpfütze auf einem depremierenden Campingplatz am Lake Macquarie. Zum Nachtessen gab es eine Dose aufgewärmte Ravioli, weil wir bei diesem Wetter natürlich überhaupt keine Lust hatten, ein grosses "Geköch" im Freien zu veranstalten. Am nächsten Morgen war das Wetter noch immer nicht besser, also gingen wir anstatt an den Strand in ein grosses Shopping-Center zum "lädele". Gegen Nachmittag setzten wir die Reise fort und als wir Nelson Bay erreichten, drangen endlich auch die ersten Sonnenstrahlen durch die dicke Wolkendecke.

Ein kleines Schild mit der Aufschrift "Beach access for 4x4 only" erregte unsere Aufmerksamkeit und natürlich stellte Mario den Blinker. Hinter der angeblich längsten Sanddüne in der südlichen Hemisphäre bot sich ein toller Anblick: Ein ca. 30 Kilometer langer, menschenleerer weisser Sandstrand. Wir, die wir zu Hause nicht einmal einen Waldweg mit dem Auto "betreten" dürfen, hatten natürlich Hemmungen, einfach so über den herrlichen Stockton-Beach zu brettern. Aber diverse Hinweistafeln bestätigten uns, dass wir das tatsächlich dürfen, vorausgesetzt, wir zahlen 5 Dollar für eine Tagesbewilligung, lassen den Reifendruck etwas runter (damit wir nicht einsacken), nehmen genügend Trinkwasser mit und überfahren keine Fussgänger!

Für das Letztere konnten wir nicht unbedingt garantieren, denn Mario musste mit einem ziemlichen Affenzahn über den weichen Sand fahren, wenn er ein Einsinken unseres schweren Autos verhindern wollte. Nach mehrmaligen Versuchen, bei denen die durchdrehende Räder des Toyotas tiefe Furchen in den weissen Sand rissen, schaffen wir es vom Strand wieder hinter die erste Stranddüne, wo wir – geschützt vom Meereswind – unser Nachtlager aufschlugen. Da wir genügend eingekauft hatten und auch unser 60-Liter-Frischwasser-Tank aufgefüllt war, beschlossen wir ein paar Tage an diesem herrlichen Beach zu bleiben. Wir gingen am Strand spazieren, lasen und genossen es ganz einfach, mal wieder in der freien Natur zu sein.

Solche Plätzchen fanden wir in den folgenden Wochen noch einige, obwohl die Gegend rund um Sydney und die Ostküste Australiens allgemein recht stark besiedelt ist. Recht stark besiedelt heisst in Australien aber eigentlich nur, dass die Einfamilienhäuser einbisschen näher zusammen stehen – grosse Wohnblöcke und –Siedlungen wie bei uns gibt es allerhöchstens in den wenigen Grosstädten.

Von Stockton Beach folgten wir der Halbinsel bis zum Hafenstädtchen Nelson Bay. Die Bucht davor ist bekannt für ihre viele Delfine. Ohne uns viel Hoffnung zu machen, diese wundervollen Meeressäuger zu sehen, buchten wir uns auf eine "Dolphin Cruise", die stündlich vom Pier ablegte. Das Wetter war schön und wir hatten ganz einfach Lust auf eine Bootsfahrt. Doch wir wurden ganz schön überrascht: Kaum war das Schiff zehn Minuten vom Hafen entfernt, tauchten am Bug die ersten Delfine auf und schwammen ganz nah neben uns her. Eine Delfinmutter hatte ihr Baby dabei, welches wie ein Korken auf den Wellen tanzte. Die Delfine tauchten unter dem Boot durch, waren mal auf der einen, bald auf der einen Seite des Schiffes zu sehen und schienen sich einen Spass daraus zu machen, uns auf dem Bootsdeck hin und her zu hetzen! Wir fotografierten natürlich wie wild und haben nun mindestens eine Filmrolle voll mit Delphinen.

Wieder an Land, gönnten wir uns in einem Hafenrestaurant ein feines Seafood-Essen und ein Glas Wein, bevor wir weiter in Richtung Lemon Tree Passage fuhren. Wir hörten, dass dort eine grössere Kolonie Koalas in der Nähe eines Zeltplatz lebten und die wollten wir natürlich gerne sehen! Wir blieben drei Tage auf dem schönen Platz, der unmittelbar an einem Meerarm lag. Natürlich holten wir uns fast Nackenbeschwerden, weil wir den Blick immer in den hohen Eukalyptusbäumen hatten, auf der Suche nach den besagten Koalas. Leider sahen wir keine von den putzigen Tierchen, dafür lernten wir Theresa und Shane kennen, zwei "fair dinkum" Aussies, welche in den Blue Mountains wohnen.

Wir freundeten uns mit dem netten Päarchen an und gemeinsam leerten wir einige Bier- bzw. Weinflaschen, während Shane uns in die Geheimnisse eines echten australischen BBQ (Barbeque) einweihte.

Eigentlich wollten wir schon weiter, als uns die beiden zu einer Fahrt auf ihrem schnellen Motorboot einluden. Da konnten wir natürlich nicht nein sagen! Wieder begleitet von Delfinen fuhren wir in eine fischreiche Bucht, wo Theresa und Mario gleich die Angeln mit Tintenfisch und Shrimps als Köder auswarfen. Bei Mario dauerte es auch keine halbe Stunde bis er einen gewaltigen "Zug" an der Leine hatte. Angestrengt holte er seinen Fang ein – einen ca. 50 Zentimeter langer Hai, der sich verzweifelt dagegen wehrte, dass Wasser zu verlassen. Der Angelhaken

steckte tief im Fleisch und der kleine Hai zappelte und wand sich, aber Mario schaffte es doch, das arme Tierchen frei zu lassen. Und das war’s dann auch schon mit dem Anglerglück! Theresa und Mario fingen zwar noch ein paar kleine "Schwänze", die sie aber allesamt wieder zurück ins Wasser warfen. Zum Abendessen gabs dann aber Würstchen, nach Aussie-Manier schön verkohlt.

Als wir uns von den beiden verabschiedeten, mussten wir versprechen, sie in den Blue Mountains zu besuchen, was wir natürlich gerne taten.

Dann setzten wir unsere Reise gemütlich fort, vorbei an all den herrlichen Ferienorten, für welche die Nordküste von New South Wales bekannt ist: Port Macquarie, South West Rock, Nambucca Head, Coffs Harbour, Yamba und schliesslich Byron Bay. Dieser Ort, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Queensland und von Brisbane entfernt, ist ein Mekka für Surfer und alternative Lebenskultur. In der Stadt wimmelt es nur so von bunt gekleideten, jungen Leuten mit coolen Sonnenbrillen und Rastalocken und in der Luft hängt stets ein leichter "Gras"-Geruch. Wir wollten auch einbisschen "cool" sein und campierten mitten im Trubel, zwischen buntbemalten VW-Bussen, Indianer-Tipis, Bergen von Surfboards und langhaarigen, Gitarre spielenden, jungen Leuten.

Am Strand schauten wir stundenlang den Surfern in den hohen, halsbrecherischen Wellen zu – Mario faszinierte vom Geschick der jungen Männer, ich mehr von den knackigen … – aber lassen wir das!

Tags darauf hiess es für uns Abschied nehmen vom Meer, denn wir mussten langsam an die Rückkehr nach Sydney denken, für welche wir die Inland-Route gewählt hatten.

Diese führte uns über die Great Dividing Range, den Gebirgszug, der Küste und Hinterland trennt, und dannach zum grössten Teil über den sogenannten "New England Highway". Die Gegend erinnerte tatsächlich einbisschen an die New England Staaten in Nordamerika: Malerische Dörfchen, sanfte Hügel, grasende Kühe und Wälder, die jetzt im Herbst in allen Farben leuchten. Den grossen Unterschied machen wohl die vielen Känguruhs, die uns nun zum ersten Mal in Scharen vors Auto hopsten. Wir nahmen uns Zeit, um die Gegend zu erkunden und in den zahlreichen Nationalparks einige "Bush-Walks" unter die Füsse zu nehmen.

  

Besonders gut gefiel uns das Städtchen Glen Ines, in welchem das keltische Erbe der ersten Siedler besonders gepflegt wird. Auf einer Anhöhe vor dem Dorfeingang ist ein Mini-"Stonehenge" nachgebaut, viele Männer tragen aus Tradition lange Bärte und holen einmal im Jahr, zum grossen "Celtic Festival" im Mai, den Dudelsack und die Schottenröcke hervor.

Drei Auto-Stunden weiter südlich fanden wir uns in einer anderen Welt wieder: Das prosperierdene Städtchen Tamworth, welches für sich beansprucht, die erste australische Stadt mit elektrischer Strassenbeleuchtung gewesen zu sein, nennt sich heute "Country Music Capital". Jeden Januar treffen sich hier Tausende von Country-Fans und Musikanten zu einem Festival, zu dessen Höhepunkt dem besten Künstler der "Golden Guitar Award" verliehen wird. Nach zehn Tagen in der Spuk vorbei, aber nach typischer Aussie-Manier wird das Thema rund ums Jahr ausgeschlachtet: Das Gebäude der Touristeninformation in Tamworth ist in der Form einer Guitarre gebaut, daselbe Musikinstrument steht – goldfarben und rund 30 Meter hoch - vor dem Stadteingang und in der Country Music Gallery of the Stars können tagtäglich sämtliche australischen Country-Grössen in Wachs bestaunt werden…

Vom Country-Mekka gings weiter in die Wein-Hochburg von New South Wales: dem Hunter Valley. Die Traubenernte war gerade abgeschlossen und die Blätter der Rebstöcke leuchteten bereits in einem kräftigem Orange. Natürlich hielten wir in ein paar Winerys, um die edlen Tropfen zu probieren, aber mit dem Kaufen von Weinflaschen mussten wir uns aus Platzgründen etwas zurückhalten. Ausserdem hatten sich für uns die praktischen, 2 oder 3-Liter-Kartonpackungen, gefüllt mit den besten australischen Tropfen, bestens bewährt…

Vom Hunter Valley, welches vor den Toren Sydney liegt, war es nicht mehr weit bis in die City. Während wir auf die Ankunft meiner Eltern warteten, bezogen wir wieder unser Zimmer in der "Springfield Lodge". Unser Auto stellten wir für die kommenden vier Wochen auf dem Hof des netten Transporteurs am Hafen ein.

Wie der Zufall es wollte, war am zweiten Tag unserer Rückkehr nach Syndey "Mardi Grass" angesagt, die grösste Schwulen- und Lesben-Parade in Australien – in ihrer Lautstärkte und Grellheit wohl nur mit unserer "Loveparade" in Zürich zu vergleichen! Vom Umzug sahen wir leider nicht viel, weil die Leute seit Stunden dicht gedrängt und zu Dutzenden hintereinander an der Marschroute standen. Dafür trafen wir viele der verkleideten, halb nackten, bunten Vögel in den Strassen der Innenstadt an.

Am Tag darauf hatte ich einen Termin mit Franz Venhaus, dem Verantwortlichen der Pferdesport-Wettbewerbe an der Olympiade. Er führte mich durch das neu gebaute, grosszügige Reitsportzentrum und zeigte mir die Trainingsanlagen, die Stallungen und die Sand-Arena, wo sich schon bald die weltbesten Pferde und Reiter messen werden. Ich interviewte Venhaus für einige Pferdesport-Zeitschriften und machte Fotos und Notizen.

Dann endlich war Montag, der 6. März, der Tag an dem meine Eltern ankommen sollten. Wir packten unsere Sachen zusammen, verliessen unser Zimmer im etwas schäbigen Kingscross-Quartier und fuhren mit der Taxi ins noble "Old Sydney Parkroyal Hotel" in den Rocks, wo meine Eltern schon von der Schweiz aus zwei Zimmer reserviert hatten. Die Pracht eines Viersterne-Hotels hatten wir zu letzt im Peace Hotel in Shanghai genossen – und so kam es, dass man mich fast nicht mehr aus dem geräumigen Badezimmer mit der Wanne und den flauschigen, weissen Frottetüchern brachte…

Dieses Hotelzimmer sollte nur ein kleiner Vorgeschmack auf die vier Wochen mit meinen Eltern sein, die uns nach Strich und Faden verwöhnten!

Gegen 23 Uhr war es dann endlich soweit und ich konnte in der Ankunftshalle des Flughafens zum ersten Mal nach 10 Monaten Mami und Papi wieder in die Arme schliessen. Sie waren ziemlich schwer beladen mit ihrem Gepäck und vor allem mit den vielen Sachen, die sie für uns aus der Schweiz mitgebracht hatten. Aber trotz der fast 24-stündigen Reise und der späten Stunde waren die beiden noch sehr munter und wohl genau so aufgeregt wie wir, weshalb wir noch auf einen "Schlummertrunk" an den Hafen gingen. Dort sahen auch meine Eltern zum ersten Mal das von Scheinwerfern angestrahlte Opernhaus – einer der Highlights jeder Australienreise.

In den nächsten vier Wochen – meine Eltern machten zum ersten Mal in ihrem Leben so lange Ferien "an einem Stück – sollten aber noch viele Höhepunkte folgen. Gemeinsam hatten wir die Route für eine klassische Australien-Rundreise geplant – welche Mario und ich zum grössten Teil vor Ort organisiert hatten.

Als "Einstimmung" verbrachten wir die beiden ersten Tage damit, meinen Eltern die Stadt zu zeigen. Für meinen geschichtsinteressierten Vater machten wir eine "Walking Tour" mit historischem Hintergrund durch die Rocks, dann bummelten über den Circular Quai und durch Darling Harbour. Am ersten Tag hatten wir eine Fahrt auf der Replika des Segelschiffes "Bounty" (ja genau, die aus dem Film!) mit Mittagessen gebucht. Aber die Ueberraschung ging ziemlich in die Hose, denn leider zeigte sich Sydney nicht mit seinem berühmten blauen Himmel und wir wurden auf dem Schiff total "verschifft" – d.h von oben bis unten verregnet. Natürlich waren wir von der Crew mit attraktivem gelbem Oelzeugs eingekleidet worden, was den Regen aber auch nur bedingt abhielt. Anstatt mit Blick auf den wunderschönen Sydney Harbour nahmen wir unser Mittagessen frierend und triefend unter Deck ein…

Wir waren also ziemlich froh, als wir das unfreundliche Wetter in Sydeny hinter uns lassen konnten und am frühen (sehr frühen) Morgen des nächsten Tages in ein Flugzeug mit Ziel Alice Springs einsteigen konnten.

3000 Kilometer weiter nördöstlich und mitten in der australischen Wüste hiess uns strahlend blauer Himmel und eine Temperatur von fast 30 Grad willkommen! So gefiel es uns schon besser - wir checkten in das vorbestellte Hotel ein und nahmen unseren Mietwagen – einen silberfarbenen Ford Falcon mit Air Condition – in Empfang. Nach einem kleinen Mittagessen machten wir uns auf zum neuen Desert Park, einer Mischung aus Park und Zoo, wo wir uns die diversen Wüstenbewohner in ihrer natürlichen Umgebung ansahen.

Am nächsten Tag erhielten meine Eltern einen ersten Eindruck von der weite dieses Kontinents: Wir nahmen die rund 300 km lange Fahrt, entlang dem Stuart und Lasseter Highway zum Ayers Rock in Angriff. Am späteren Nachmittag tauchte dieser riesige rote Felsen wie aus dem Nichts am Horizont auf: Zum ersten Mal sahen wir drei den Uluru, wie der Ayers Rock von den Aboriginals genannt wird. Für Mario war es das zweite Mal – er war ja vor 10 Jahren schon mal in Australien.

  

Da die Temperatur um diese Tageszeit angenehm war und wir lange genug im Auto gesessen hatten, machten wir uns auf die Initiative meiner Mutter auch gleich an den "Base walk", die 9 Kilometer lange Umrundung des berühmten Felsens. Schilder mit ausführlichen Erklärungen wiesen auf die heiligen Stätten der Anangu, der traditionellen Landbesitzer des Gebietes, hin. Im interessanten Visitorscenter am Parkeingang hatten wir zuvor schon einiges über die Bedeutung des Uluru erfahren.

Die Aboriginals bitten die Besucher, ihre heiligen Berg nicht zu besteigen, was jedoch trotzdem jeden Tag von Hunderten von Besucher getan wird. Hier findet wohl ein klassischer Gewissenskonflikt statt: denn anstatt den heiligen Berg aus religiösen Gründen zu sperren und damit das Risiko rückläufiger Besucherzahlen in Kauf zu nehmen, wird am Parkeingang fleissig die hohle Hand hingehalten und pro Besucher 15 Dollar Eintritt kassiert. Der rote Fels wird rücksichtslos vermarktet und so wollten wir als "Zielpublikum" auch nicht auf diesen – wohl für die meisten Menschen einmaligen – Aufstieg verzichten.

Wir standen am nächsten Morgen in aller Hergottsfrühe auf, um den steilen, gefährlichen Austieg, der jedes Jahr Menschenleben kostet, noch vor Einsetzen der Hitze in Angriff zu nehmen. Mein Vater entschied sich, "am Boden" zu bleiben und uns von unten zu zu sehen , während wir uns an die Eisenkette – der einzigen Aufstiegshilfe – nach aufwärts "zogen". Teilweise geht der Weg fast senkrecht über den glatten Fels nach oben. Wir kamen ganz schön ins Keuchen, während meine sportliche Mutter mit dem steilen Aufstieg keine Mühe zu haben schien. Dafür wurde ihr Angst und Bange, als Mario meiner teuren Rodenstock-Sonnenbrille nachsetzte, die mir ein Windstoss vom Gesicht gefegt hatte. Sie war am Rande des Abgrundes liegen geblieben, von wo er sie aber ohne Probleme "retten" konnte.

Die restliche Kletterei verlief ohne Zwischenfälle und wir wurden mit einer traumhaften Aussicht über das weite Land belohnt. Da es in den Wochen zuvor so viel wie schon lange nicht mehr zu dieser Jahreszeit geregnet hatte, war die rote Wüste mit grünen Tupfern übersäät. Den Rest des Tages verbrachten wir am Swimmingpool im Resort und am Abend brachen wir zu einem einmaligen Nachtessen unter Sternenhimmel auf.

Unser nächstes Ziel war der wunderschönen Kings Canyon, wo wir wieder auf eine mehrstündige Wanderung gingen, bevor in den nächsten Tagen die lange Fahrt auf dem Stuart Highway – von Alice Springs bis Darwin – in Angriff nahmen.

  

Vor uns lagen fast 2000 Kilometer, die wir aber gemütlich angingen: Wir sahen unterwegs die Devil Marbels an, fotografierten Kamele, besuchten in Tennant Creek eine alte Goldmine und wollten uns eigentlich in Mataranka in die warmen Thermalquellen legen. Dort machten uns aber die zuvor gefallenen, heftigen Regengüsse einen Strich durch die Rechnung: Der natürlich Pool und das Motel in nächster Nähe war von Schlammmassen zugedeckt worden! Zum Glück kamen wir in einem anderen Motel unter, dass zwar etwas düster war – dafür leistete uns das zahme Känguruh Jasper beim Abendessen Gesellschaft. Es gab Barramundi vom Grill, während Jasper versuchte, unsere Schuhbändel anzuknabbern.

Der Regen blieb in den nächsten Tagen ein Unsicherheitsfaktor. Wir selber hatten zwar immer Glück und bekamen nur selten einen "Guss" ab, aber die starken Niederschläge hatten diverse Strassen unpassierbar gemacht. So konnten wir zum Beispiel die eindrückliche Kathrine Gorge nicht besichtigen, weil das Wasser fast 15 Meter hoch in der Schlucht stand und somit für Boote unpassierbar war. Lange wussten wir auch nicht, ob wir wie geplant die Kakadu Road, die südliche Zufahrt zu dem berühmten Nationalpark, mit seinen Sandsteinplateaus, den roten Klippen, Wasserfällen, Aboriginal-Felsmalereien und den langen, mäandrierenden Flüssen, befahren konnten.

  

Aber wir hatten mächtiges Dussel: Die Strasse war soeben wieder geöffnet worden! Ohne Probleme erreichten wir unsere Unterkunft, das Gagudju Crocodile Hotel, am westlichen Ende des Parks. Das Hotel sieht aus der Luft wie ein Krokodil aus – und wir hatten sogar selber Gelegenheit, das zu überprüfen!

Wir buchten einen einstündigen Flug über den 20’000 Quadratkilometer grossen Park, der zu einem bedeutenden Teil aus Feuchtgebieten besteht, welche zu dieser Jahreszeit vollständig überschwemmt sind. Aus der Luft wirkte die Szenerie gewaltig – soweit ich das beurteilen kann: denn in dem kleinen, fünfsitzigen Porpellerflugzeug, welches im Wind nur so auf und abhüpfte war mir alles andere als wohl und ich hielt meine Augen die meiste Zeit zu…. Aber ich blitzelte ab und zu, um wenigstens den Anblick der gigantischen Jim Jim Falls und der tosenden Twin Falls nicht zu verpassen…

Einen ersten Eindruck von den Wassermassen hatten wir bereits am Morgen auf einer Bootsfahrt über den Yellow River erhalten. Der Fluss war soweit über seine Ufer getreten, dass er mehr an einem grossen See oder sogar an ein Meer erinnerte. Während die Sonne langsam aufging, fuhren wir mit dem Boot friedlich durch Wälder von Papierrinden-Eukalyptusbäumen, welche in ein paar Monaten später bereits wieder unter Dürre leiden werden. In den Aesten sassen die verschiedensten Vögel – im Kakadu lebt ein Drittel aller in Australien verzeichneten Vogelarten, zusammen mit 60 verschiedenen Säugetier-, 75 Reptilien-, 1200 Planzen-, und mindestens 10’000 Insektenarten. Wir sahen zum Beispiel einen der seltenen Jabirus (Asien-Grosstorch), einen "Jesus"-Vogel, der übers Wasser gehen kann sowie zahlrieche Magpies (Spaltfussgänse) und natürlich Dutzende Kakadus.

Nur die gefürchteten Krokodile liessen sich auf der Bootsfahrt nicht blicken. Aber im Gegensatz zu den anderen Passagieren hatten wir bereits eines gesehen: Als wir bei Tagesanbruch – noch im Dunkeln – zum Ausgangspunkt der ""Cruise" fuhren, lag ein verschlafenes Krokodil mitten in der Fahrbahn! Geblendet von den Scheinwerfern blieb es noch einige Augenblicke verduzt liegen – bevor es blitzschnell von der Strasse verschwand und in die umliegenden Wassermassen eintauchte.

Insgesamt verbrachten wir drei Tage in diesem wunderschönen Nationalpark – bevor wir nach Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory, weiterfuhren.

In den hundert Jahren nach der europäischen Besiedlung 1864 war Darwin ein Aussenposten des Britischen Königreichs mit riesigen Viehzuchtfarmen in der Umgebung. In seiner kurzen Geschichte erlebte die Stadt einen Goldrausch um 1890, das Leben als Alliertenfort im Zweiten Weltkrieg und die fast vollständige Zerstörung durch den Wirbelsturm Tracy im Jahre 1974. Heute ist Darwin eine moderne, aber nicht hektische Stadt, in der 50 Völkergruppen asiatischen Ursprungs mit Aborigines und Europäern zusammen leben.

Aber viel anzusehen gibt es in Darwin eigentlich nicht: Ein Bummel am Hafen war nach 10 Minuten zu Ende, in der Innenstadt gibt es ein paar schöne alte Gebäude wie die Town Hall oder das Courthouse, aber wir verbrachten mehr Zeit in der netten Einkaufsmall an der Smith Street.

Eindrücklich war dafür der Besuch einer Krokodilfarm am Stadtrand. Wir konnten zusehen, wie die bis zu sechs Meter langen, furchtereregenden Reptilien mit Hühnern gefüttert wurden. Schauderhaft, wie die riesen Gebisse mit den weissen Zahnreihen zuschnappten! Aber mein Vater, der schon während der ganzen Reise "Krokis" in seinem Badewasser vermutete, überwand sich und nahm ein Baby-Krokodil auf den Arm!

Von Darwin flogen wir nach Cairns, wo wir wieder ein Auto mieteten und gleich weiter nach Port Douglas, einem luxuriösen Ferienort, fuhren. Den Rest des Tages verbrachten wir am Pool in unserem schönen, mitten in tropischer Vegetaion liegendem "Tree-Tops"-Hotel und freuten uns auf den morgigen Ausflug ans Great Barrier Reef.

Das Great Barrier Reef ist der älteste Riffkomplex der Welt. Es zieht sich von Bundaberg bis zur Spitze von Cape York über eine Länge von mehr als 2000 Kilometern und bedeckt dabei ein Gebiet von rund 350’000 Quadratkilometern. Zwischen dem äusseren Saum des Riffs und dem Festland liegen über 2000 Inseln und etwa 3000 kleine Einzelriffe. Ueber 2000 Fisch-, und unzählige Hart- und Weichkorallenarten leben in den Gewässern des Great Barrier Reefs und machen es somit zu einem Pardies für Schnorchler und Taucher.

Wir hatten einen Trip mit der "Quicksilver" einem pfeilschnellen Katamaran gebucht, der uns bis ans Aussenriff brachte, wo die schönsten Korallenbänke zu finden sind. Von einer schwimmenden Plattform aus gingen wir in dem klaren, warmen Wasser schnorcheln und sahen eine Vielzahl von bunten Fischen, riesengrosse Mördermuscheln, Seeigel, Schwämme sowie die unterschiedlichsten Korralenarten. Mario und ich machten ausserdem am Morgen einen ersten Tauchgang am Reef, bei dem uns ein Rudel Haie ziemlich dicht vor die Maske schwamm. Ein weiterer Höhepunkt war die Fahrt mit einem Halbunterseeboot, dessen Boden und Wände aus Glas bestanden, so dass wir – unter Wasser, aber im Trockenen sitzend – eine tolle Sicht auf die Meeresbewohner hatten, während das "Semisubmersible" langsam über das Riff glitt.

Der nächste Tag hätte nicht verschiedener sein können: Von den Tiefen des Meers begaben wir uns in die Höhen des tropischen Regenwaldes, der in Queensland dank den monsunartien Regenfällen und dem nährstoffreichen Boden besonders dicht ist. Mit dem Auto fuhren wir in den Daintree Nationalpark, der ein Gebiet von ca. 76’000 Hektaren umfasst. Die Umgebung von Cape Tribulation ist landschaftlich besonders schön, weil hier der Regenwald bis ans Meer reicht. Grosse Teile des Parks liegen im Hinterland von Cape Tribulation und sind unzugänglich. Dort leben noch seltene Tiere wie der Helmkasuar, ein eigenartiger, vom aussterben bedrohter Vogel.

Von diversen "Bordwalks" welche durch den Urwald gelegt wurden, bekamen wir einen schönen Einblick in das feucht-dunkle Reich. Mit der Skyrail, einer "Gondelbahn", die von Cairns nach Kuranda führt, einem kleinen Dorf am Rande des Atherton Tabellands, schwebten wir für einige Minuten auch über den Gipfeln des Regenwalds. In Kuranda - früher ein Hippie-Oase und heute ein Kunstgewerbezentrum – bummelten wir durch die Mainstreet und über die kleinen Märkte, bevor uns eine altertümliche Eisenbahn wieder zurück nach Cairns brachte.

Cairns, das Zentrum des nördlichen Queensland, ist eine sonnige, quicklebendige Stadt am Meer, in der wir uns auf Anhieb wohlfühlten. Diverse Strassencafes und Restaurants locken zum Verweilen, es gibt tolle Läden mit Aboriginal-Handwerkskunst und anderen Souveniers. Wir verbrachten zwei Nächte in Cairns, bevor wir zum letzten grossen Höhepunkt der vierwöchigen Australien-Tour mit meinen Eltern aufbrachen: Green Island.

Auf der kleinen, nur 15 Hektar grosse Koralleninsel am Barrier Reef steht ein exklusives Fünf-Sterne-Hotel, welches für drei Nächte unser Zuhause wurde. Die sonnigen, warmen Tage verbrachten wir vor allem mit "sünnele", schnorcheln und "Nichts-tun". Damit waren wir so beschäftigt, dass wir nicht einmal die fünfzehnminütige Inselumrundung schafften!

Das einzige was zu wünschen übrig liess, war das Essen, welches bis auf die Preise ganz und gar nicht einem Fünfsterne-Hotel entsprach – im Gegenteil, bei uns isst man in jeder Pizzeria besser! Aber da es ja das einzige Restaurant auf der Insel war, blieb uns keine andere Wahl, als allabendlich eines der Gerichte, mit den langen, vielversprechenden Namen wie "Ausgewählter Baby-Barramundi drapiert auf einem Ingwer-Zitronen-Eukalyptus-Schäumchen, belgeitet von einem Reis-Pilaf mit Zwergkarrotten-Paprika-Kürbiswürfelchen" zu bestellen. Auf dem Teller präsentierte sich das Bestellte vielfach als zerkochte, undefinierbare Masse – vom Ingwer-Zitronen-Eukalyptus-Schäumchen keine wahrnehmbare Spur. Ein ehrlicher, herzhafter Hamburger wäre uns da schon lieber gewesen – und dem Koch wohl auch!

Aber es liegt uns fern, uns zu beklagen! Mario und ich wurden in den vier Wochen mit meinen Eltern wirklich bis-zum-geht-nicht-mehr verwöhnt! Den Abschluss machten nochmals zwei Tage in Sydney, die meine Mutter allerdings nicht mehr geniessen konnte: Sie war krank geworden und hütete das Bett, um bis zum anstrengenden Flug in die Schweiz wieder so fit wie möglich zu sein.

Der Abschied am Flughafen fiel natürlich ziemlich traurig aus, wusste ich doch, dass ich meine Eltern wieder für eine lange Zeit nicht mehr sehen werde. Wir schauten ihrem Flugzeug nach, bis es mit mehr als einstündiger Verspätung im blauen Himmel über Syndey verschwand.

Nach den vier turbulenten, vollgepackten Wochen mit meinen Eltern fühlten wir uns im Moment so zu zweit alleine ziemlich leer.

Aber wir hatten ja etwas, auf das wir uns freuen konnten: Morgen würden wir die wohlverdiente Ruhepause unseres Autos abbrechen, unsere Vorräte wieder auffüllen und dann damit beginnen, den roten Kontinent, vom dem wir nun bereits einen Kaleidoskopartigen Eindruck gewonnen hatten, auf vier Räder zu entdecken…

Anmerkung des Webmasters:
In der Zwischenzeit sind die beiden Reiselustigen wieder in Wallisellen, der geliebten Schweiz, angekommen. Was jetzt folgt ist die Aufarbeitung der Reise mit der Vorbereitung zum Diavortrag und der noch fehlenden Erzählungen.

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