China
Nicht
mehr alleine, grosse Mauern, Hühnerfüsse, Mao und Marktwirtschaft
Leider mussten wir in Xian Abschied nehmen von Holger und bekamen einen neuen chinesischen Führer. Dieser sprach französisch, nannte sich „Jean-Paul“ und machte von der ersten Minute an keinen Hehl daraus, dass es eigentlich unter seiner Würde sei, mit zwei Ausländern im selben Auto zu sitzen. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit: Mario und ich konnten den untersetzten, sauertöpfischen Chinesen, der sich nicht ein einziges Mal mit uns an den Tisch setzte, nicht ausstehen. Ein schwacher Trost war, dass er nur 12 Tage, bis Shanghai, mit uns reisen würde.
Aber 12 Tage können lang sein....

Sie begannen mit einem Besuch bei der weltberühmten Terrakotta-Armee vor den Toren Xians und führten uns darauf zum heiligen Berg Huashan. Dort weigerten wir uns, die völlig unverhältnismässigen 20 Franken Eintritt pro Person zu bezahlen, um den doofen Hügel zu besteigen (jawohl, zu Fuss – die Seilbahn hätte noch einmal soviel gekostet!). Der Eintritt war natürlich wieder einmal nur für Ausländer so teuer, was uns ziemlich sauer machte. Seit unserer Ankunft in China wurden wir ausgenommen wie die Weihnachtsgänse. In den Augen der geschäftstüchtigen Chinesen sind wir „Langnasen“ unermesslich reich und gehören deshalb geschröpft... Ein Ausländer zahlt deshalb, wo immer er auch hinkommt, das Doppelte, Dreifache oder noch mehr vom Normalpreis. „Aber was regt ihr euch darüber auf, ihr seid doch reiche Kapitalisten und könnt Euch das leisten“, war Jean-Pauls lakonischer Kommentar. Am liebsten hätten wir ihm den Hals umgedreht oder ihn in eine der Ersatzteil-Kisten auf dem Autodach gesteckt...

Um nicht in einem chinesischen Verlies zu landen, liessen wir es dann aber bleiben und setzten unsere Reise fort. Wir schauten trainierenden Kung-Fu-Kämpfer im Shaolin-Kloster zu, kämpften uns durchs Verkehrsgewühl der Grossstadt Zhenzhou, besichtigten die alte Kaiserstadt Kaifeng (eine der wenigen chinesischen Städte mit Charme!), assen in Heifei gedämpfte Hühnerfüsse zum Frühstück und genossen die Autobahnfahrt bis Nanjing. Dort legten wir eine zweitägige Pause ein, liessen Jean-Paul im Hotel zurück und gingen auf Entdeckungstour: Konfuzius-Tempel, Yangtse-Fluss, Bonsai-Ausstellung, Schwarzer Drachensee, Purpur-Berg, Ling Gu Park, Ming Gräber – bis wir einen riesen Berg an Eintrittstickets gesammelt hatten und uns die Füsse weh taten! Zur Belohnung gab es dann anstatt Hund geschnetzelt, Schlange gesotten oder Rinderhoden süss-sauer nach langer Zeit wieder einen BigMac! Jaja, gegen die Marktwirtschaft hatte auch Mao keine Chance und in manchen chinesischen Grosstädten gibt es tatsächlich McDonalds-Restaurants!

Von Nanjing fuhren wir weiter über Wuxi zur Gartenstadt Suzhou, wo wir uns ebenfalls zwei Tage Zeit nahmen, um uns die wunderschönen chinesischen Gartenanlagen anzusehen. Aber nach dem „Garten des demütigen Politikers“, dem „Löwenwald-Garten“ und dem „Garten des Meisters der Netze“ kapitulierte Mario! Er hatte definitiv genügend Miniatur-Pagoden, Goldfischteiche, behauene Steine, Bonsais und anderes Grünzeug gesehen. Ausserdem war es drückend heiss, so dass wir uns ziemlich schnell in ein klimatisiertes Restaurant verzogen. Die Bestellungen war jedes Mal ein Abenteuer, da die Speisekarten grundsätzlich nur auf Chinesisch geschrieben sind. Wir hatten jedoch zwei Methoden entwickelt, die beide gut funktionierten: Entweder gingen wir im Lokal von Tisch zu Tisch, schauten uns an, was die anderen Gäste assen und bestellten das, was unserer Meinung nach gut aussah (manchmal liessen uns die Leute sogar von ihrem Teller probieren...) oder wir marschierten direkt in die Küche und wählten aus den vorhandenen Zutaten etwas aus...
Am Sonntag, dem 5. September, unserem 114. Reisetag, erreichten wir endlich Shanghai und konnten Jean-Paul „Au revoir“ sagen! Bevor unser neuer Führer eintraf, hatten wir vier ganze Tage für uns, in denen wir tun und lassen konnten war wir wollten. Untergebracht waren wir ganz luxuriös, im renommierten Peace-Hotel****.

Während der ganzen Zeit in China haben wir ausschliesslich in Hotels übernachtet. Auf der einen Seite genossen wir die damit verbundenen Annehmlichkeiten wie Fernseher mit CNN (endlich mal wieder Nachrichten!), Klimaanlage und jeden Tag frische Handtücher, aber eigentlich hatten wir uns damit (unfreiwillig) sehr weit von unserem sonstigen Reisestil entfernt. Immer mehr vermissten wir unsere Freiheit, die Abende in der Natur, das Kochen auf dem Gaskocher, die Nächte in unserem Auto.... Aber in China war es uns schlicht und einfach nicht erlaubt worden, zu campen und so blieb uns nichts anderes übrig, als in Hotels zu schlafen. Leisten konnten wir uns dies nur, weil Oliver Fiechter (Kulturreisen China-Tibet in CH-5503 Schafisheim) grosszügigerweise die Hälfte der Kosten der gesamten China-Tour übernommen hatte – sonst hätte die achtwöchige Fahrt unser Budget gesprengt!
In der boomenden Wirtschaftsmetropole Shanghai genossen wir die internationale Atmosphäre, machten eine Fahrt durch den imposanten Frachthafen, bummelten durch die Einkaufsstrassen und bekamen endlich wieder einmal Schweizer und Deutsche Zeitungen zu kaufen. Hier konnten wir auch endlich unser GPS reparieren lassen, welches in der Mongolei ja einem Elektroschock erlegen war. Das der Puls dieser Stadt um einiges schneller schlägt, als im restlichen China, war auch auf dem Thai-Konsulat zu spüren: Hier bekamen wir unser Visa innerhalb von 24 Stunden...
In der Zwischenzeit waren wir gespannt auf unseren nächsten Führer. Wenn würde uns die Agentur diesmal schicken? Sie schickten uns ihren „Stift“, einen 25jährigen Burschen namens Wu, der das erste Mal von Zuhause weg war und von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Aber er war – im Gegensatz zu Jean-Paul – sehr freundlich und wir freuten uns auf die Zeit mit ihm. Allerdings mussten wir schon wieder die Sprache wechseln: Wu hatte Englisch studiert.
Auf seinen ersten Tag mit uns war er sehr gründlich vorbereitet und innert nützlicher Frist fanden wir den Weg aus dem Verkehrsgewühl von Shanghai. In Hangzhou, unser nächsten Station, brannten wir dann im Hotel an, weil Wu vergessen hatte, die Reservierung zu bestätigen. Naja, wir fanden bald ein anderes. Voller Elan schleppte uns unser neuer Guide am nächsten Tag in verschiedene Tempelanlagen. Wir mussten ihn gleich bremsen und ihm eine Auflage machen: Nicht mehr als einen Tempel pro Tag! Denn Mario und ich litten bereits an einer leichten Tempelübersättigung. Diese rührte wohl einerseits daher, dass viele der Anlagen neu sind (Anno frühe neuziger Jahre) und sich daher im Stil sehr ähnlich sehen. Die alten, historisch wertvollen Gebäude wurden ja zum grössten Teil während der Kulturrevolution zerstört. Ausserdem sind viele dieser neu aufgebauten Stätten heillos dem Kommerz ausgeliefert worden und zu buddhistischen Disneylands verkommen. Wir hatten keinen Bedarf an Mönchs-T-shirts, Heiligenbildchen, geweihten Wässerchen, glückbringenden Amulette und Armbänder, welche bei den Chinesen reissenden Absatz finden - natürliche zu unsinnigen Preisen, dafür fahren die Mönche Mercedes, welche mit einer horrenden Importsteuer belegt sind...

Aber auch unser Guide Wu, der beim Autofahren jeweils Höllenängste litt, deckte sich bis zum Hals mit Glücksbringern zu. Beim Kartenlesen liessen ihn die guten Geister jedoch wie üblich im Stich: Wir verfuhren uns x-mal, bis wir endlich aus dem Gewühl der Stadt Hangzhou raus waren und uns auf dem richtigen Weg zum Huangshan, einem weiteren heiligen Berg befanden. Diesen Berg, der in einer schönen Landschaft lag und deshalb schon viele chinesische Dichter und Maler inspiriert haben soll, wollten wir am nächsten Tag besteigen – hoher Eintrittspreis hin oder her! Erstens kann ein bisschen Inspiration nie schaden, zweitens hatten wir schon lange keinen Tag mehr in der Natur verbracht und freuten uns, endlich mal dem Rummel chinesischer Städte zu entrinnen. Um sechs Uhr in der Früh marschierten wir los – Mario und ich in Trekkinghosen und Wanderschuhen, Wu in Bundfaltenhosen und einem frischgebügelten Hemd. Schon am Eingangstor (chinesische Berge werden über Nacht geschlossen...!) merkten wir, dass wir nicht alleine waren. Wie aus dem Nichts waren von überall her Reisebusse aufgetaucht und hatten Horden chinesischer Touristen abgeladen, alle in ähnlichem „Wandertenu“ wie Wu. Mitten im Gedränge nahmen wir den Aufstieg in Angriff. Wobei Aufstieg wörtlich zu nehmen ist – denn anstatt des erwarteten Wanderweges führten Stiegen aus Beton auf den Berg! Von oben bis unten nichts als Treppen – und das während zweieinhalb Stunden! An engen Stellen mussten wir Schlage stehen bis es endlich weiterging, unterwegs wurden (überteuerte) Getränke verkauft und oben erwarten uns betonierte Ausichtsplattformen, Restaurants und die obligatorischen 100 Souvenierstände! So haben wir uns den Tag in der „Natur“ nicht vorgestellt!
Wir wurden aber in dem bestätigt, was wir schon in den letzten Wochen erfahren müssen: Es gibt in China kaum mehr einen Landstrich, der nicht vom Menschen kontrolliert wird, kaum ein Quadratmeter der nicht kultiviert ist, kein Fluss, der nicht begradigt wurde! Der kommunistische Fortschritt auf den die Chinesen so stolz sind, hat seinen Beton überall hin ergossen. In den Städten schiessen Wolkenkratzer in den trüben Himmel, alte, traditionelle Bauten werden dem Erdboden gleichgemacht – ohne Rücksicht auf Verluste.
Mario und ich wurden zunehmend bedrückter. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise vor fünf Monaten war unsere Moral ziemlich tief am Boden. Vieles, was wir in China sahen und erlebten, ärgerte uns mehr, als dass wir uns daran erfreuen. Unser Gerechtigkeitssinn wurde über strapaziert, wenn wir an den Parteisitzen demonstrativ zur Schau gestellten Reichtum sahen und daneben Menschen, die gar nichts besitzen. Uns taten die Greise leid, die Zementsäcke schleppten, die ausgemergelten jungen Männer, die Steinblöcke zerhackten und die Frauen, die bei grosser Hitze Strassen teerten. „billige Arbeitskräfte, von denen es in China mehr als genug gibt“ – erklärte unser Führer mit einem Achselzucken. Er konnte uns keine Erklärungen liefern, eine Diskussion mit ihm war nicht möglich. Wu war zwar in unserem Alter, aber uns trennten Welten. Zu verschieden sind die Systeme, in denen wir aufgewachsen sind, zu gross die kulturellen Unterschiede. Obwohl wir uns bereits in Shanghai einmal ernsthaft damit befasst hatten, das Auto vorzeitig zu verschiffen, setzten wir unsere Reise durch China fort.
Nach dem schwer verdaulichen Erlebnis am gelben Berg führte uns unserer Route durch hoch industrialisiertes Gebiet in Richtung Küste – vorbei an Städten wie Pucheng, Nanping, Fuzhou, Xiamen und Shantou. Mario und ich wechselten uns am Steuer immer weniger ab. Nachdem ich in einer Stadt den roten Sonnenschirm eines Gemüsehändlers umgefahren habe - die Alternative wäre ein Frontalzusammenstoss mit einem Lastwagen gewesen - und wir nur knapp der empörten Menschenmenge entkommen konnten, traute ich mich immer seltener ans Steuer. Während Mario auch im grössten Verkehrsgewühl ruhig bliebt und nie die Nerven verlor. Was auch immer wichtiger wurde, denn Wu trieb uns mittlerweile mit seinem völlig durcheinandergeratenen Orientierungssinn zur Verzweiflung: Es verging kein Tag mehr, an dem wir uns nicht verfuhren oder mindestens eine Stunde mit der Hotelsuche verbrachten. Der ängstliche, unselbständige Jüngling ist von seiner Aufgabe total überfordert, so dass wir nun ihn durch China führten und nicht er uns.
Wir waren froh, als wir für einige Tage unser Auto und unseren Führer in der Sonderwirtschaftszone Shenzen zurücklassen und uns nach Hongkong absetzen konnten. Mitkommen durfte Wu nicht: Er besitzt keinen Reisepass!

Denn obwohl die ehemalige britische Kronkolonie seit zwei Jahren wieder zum chinesischen „Mutterland“ gehört, betritt man nach wie vor ein fremdes Land, wenn man nach Hongkong kommt. Wir gingen durch Passkontrolle und Immigration und erfuhren so nebenbei, dass wir damit auch aus China ausgereist waren und für die Rückreise ein neues China-Visum brauchten! Wir hatten eine Menge zu Erledigen in Hongkong, aber vorher gönnten wir uns einen ausgiebigen Bummel durch die Einkaufstrasse Nathan-Road, genossen die internationale Atmosphäre in dieser Stadt und wieder einmal ein Sandwich! Wir benutzten die Toiletten im piekfeinen Penninsula Hotel, wo unsere staubigen Schuhe fast von den dicken Teppichen verschluckt wurden. Dann deckten wir uns mit den neusten Zeitschriften ein, die wir in einem gemütlichen Café lasen, während draussen ein sintflutartiger Regenfall niederging. Am nächsten Tag gingen wir auf die Schweizer Botschaft, welche wir freundlicherweise als „Briefkasten“ benutzten durften und holten dort unsere Post ab, dann erledigten wir in einem Cyber-Café während mehreren Stunden Emails. Am Abend traf ich mich mit Ruth von Siebenthal Hung, einer Berner Oberländerin, welche mit einem Hongkong Chinesen verheiratet ist und seit 26 Jahren in dieser Stadt lebt. Ich interviewte die bewundernswerte Frau, welche in der Hongkonger Hotelerie eine steile Karriere gemacht hatte und Mutter von drei Kindern ist, für eine Schweizer Frauenzeitschrift. Da sie und ihre beiden Töchter begeisterte Reiterinnen sind, nützte ich die Gelegenheit auch gleich noch, um einen Artikel über Pferde in Hongkong zu machen.
Nach der rüden Abfuhr in Peking, versuchten wir in der vietnamesischen Botschaft von Hongkong nochmals unser Glück. Vielleicht konnten wir hier eine Einreisebewilligung für unser Auto bekommen? Aber keine Chance! Es gelang uns zwar, beim Vizekonsul vorzusprechen, der hörte sich unser Anliegen ungeduldig an und sagte dann kurz und knapp nein. Als wir nach hakten, ob es vielleicht und bitte, bitte doch irgendeinen Weg geben würde, warf er uns kurzerhand aus der Botschaft. Freundliche Vietnamesen! Wir hatten uns zuvor mit der Schweizer Botschaft in Hanoi in Verbindung gesetzt und auch bereits eine Antwort erhalten: „Versuchen Sie AUF KEINEN FALL mit dem eigenen Auto nach Vietnam einzureisen“, lautete diese. Offensichtlich sind schon mehrmals Reisende mit dem eigenen Fahrzeug im „Niemandsland“ zwischen der chinesischen und der vietnamesischen Grenze gestrandet und konnten weder zurück noch vorwärts. Die Botschaft warnte uns, dass sie uns nur beschränkt zur Hilfe stehen konnte, falls wir uns selber in diese missliche Lage bringen würden. Naja – das war wenigstens deutlich! Uns so begruben wir unsere Vietnam-Pläne. Daran hatte das chinesische Reisebüro jedoch gar keine Freunde. Wir müssen nach Vientnam ausreisen und könnten unsere Route nun nicht mehr ändern, hiess es. Klar, ihnen konnte es ja auch egal sein, was mit uns nach dem Verlassen von China passiert – sie hatten nur den Auftrag uns an der Grenze abzusetzen! Unsere chinesischen Partner schalteten auf stur, aber wir hielten dagegen. Da Wu sowieso keine Hilfe war, verhandelte ich direkt mit seinem Vorgesetzten in Xian und investierte ein kleines Vermögen in Telefonkarten. Irgendwann gelang es mir, ihn zu überzeugen, dass für uns eine Ausreise nach Vietnam unmöglich ist und wir versuchen mussten, dass Land nach Laos zu verlassen. Wir einigten uns darauf, dass wir so schnell wie möglich nach Kunming, der Hauptstadt der südchinesischen Provinz Yunnan fahren würden, weil dort alle erforderlichen Botschaften sowie die chinesische Grenzpolizei und weitere wichtige Behörden ihren Sitz hatten. Uns war dies nur recht – wir hatten langsam die Nase voll von chinesischem Theater und wollten das Land so schnell wie möglich verlassen. In den nächsten Tagen fuhren wir jeweils zwischen 8 und 10 Stunden. Während sich Wu nervös ans Armaturenbrett krallte, genossen wir wider erwarten die Fahrt durch Yunnan, eine der ärmsten, aber auch ursprünglichsten und damit für uns schönsten Provinzen des chinesischen Reichs. In Yunnan leben die meisten ethnischen Minderheiten Chinas und ab und zu begegneten uns Frauen und Männer in ihren traditionellen Gewändern. Wir durchquerten kleine Bauerndörfer, kamen durch bunte Märkte, sahen Reisfelder im Morgennebel liegen und Wasserbüffel mit mächtigen Hörnern.

In Kunming warf der völlig entnervte Wu das Handtuch: Er sei nun nicht mehr unser Führer erklärte er uns weinerlich, was uns in etwa so sehr berührte, wie wenn irgendwo in China ein Sack Reis umfällt. Wu’s „Fahnenflucht“ war für uns ein Segen. Denn da wir ja nicht ohne Führer weiter fahren durften, schickte und das Reisebüro wieder Holger, der bereits am nächsten Tag mit dem Flugzeug aus Xian in Kunming eintraf. Ihm verdanken wir, dass wir China dann doch noch innerhalb von nützlicher Frist verlassen konnten! Holger setzte alle Hebel in Bewegung, ging zur Polizei, liess unsere Routenänderung bestätigten, verhandelte mit den Zollbehörden und machte ihnen verständlich, dass unser Auto nun nicht am geplanten Grenzübergang zu Vietnam ausgeführt wird. Dann erwirkte er vom laotischen Konsul ein Begleitschreiben, welches uns anschliessend alle Türen öffnete.
Einen Tag vor Beginn der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag der Volksrepublik China hatte Holger alle erforderlichen Bewilligungen in der Tasche – und dabei nur rund 1000 Yuan (= 200 Franken) an „Sondergebühren“ ausgegeben (welche natürlich zu unseren Lasten gingen...) Wir waren sehr froh, dass er es so schnell geschafft hatte, sonst wären wir noch länger in Kunming festgesessen: Denn im Anschluss an die Feierlichkeiten zum 1. Oktober hatten die chinesischen Behörden noch über eine Woche geschlossen.
Kunming, die „Stadt des ewigen Frühlings“ hatte sich für den Festtag feierlich herausgeputzt: Überall waren Blumen gepflanzt worden, rote Fahnen und Propaganda-Spruchbänder flatterten im Wind und es gab eine feierliche Strassenparade. Wir betrachten die mit viel Pomp inszenierte „Selbstbeweihräucherung“ der kommunistischen Partei mit Unbehagen und leichtem Brechreiz. Im ganzen Land waren an die 100‘000 „potentielle Unruhestifter“ festgenommen worden. In Peking musste die Schwerindustrie einige Tage vor dem Festtag ihre Produktion einstellen, damit der Himmel über dem Platz des himmlischen auch ja in seinem schönsten Blau erstrahlt, während China mit einer Militärparade der Welt ihr ganzes Arsenal an Vernichtungswaffen vorführte. Festfreude à la chinoise!
Nach einer bangen Woche in Kunming konnten wir am nächsten Tag endlich weiter fahren, über holprige Bergstrassen, vorbei an einer sattgrünen Dschungellandschaft, in Richtung laotischer Grenze. Die Strecke erwies sich als sehr anspruchsvoll, wir kamen kaum vorwärts und benötigten bis nach Jinghong, der letzten grösseren chinesischen Stadt zwei volle Tage. Dort legten wir nochmals einen Ruhetag ein, an dem wir uns einen Tempel anguckten, unsere Wäsche und das Auto waschen liessen (schliesslich wollten wir an der Grenze einen guten Eindruck machen...) und uns mit Duschmittel, Seife und Lebensmittel eindeckten. Am nächsten Tag nahmen wir die schlechte Bergstrasse nach Mengla in den Angriff, wo wir unmittelbar vor der Grenze noch einmal übernachteten. Am Abend mussten wir unser Auto zu irgendeiner „Behörde“ fahren, wo zwei unmotivierte Chinesen in Shorts und Gummischlappen ein paar Mal gegen den rechten Vorderreifen traten und durch die Beifahrertüre einen kurzen Blick ins Wageninnere warfen. „Das war die Zollinspektion“ erklärte uns Holger. Aha.
Wir trauten dem Frieden jedoch nicht und brachen am nächsten Tag früh zur chinesischen Grenze auf. Im Auto herrschte nervöse Spannung und Holger rauchte eine Zigarette nach der anderen. Aber wir wurden an der Grenze bereits erwartet und unsere Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Holger verteilte unter den freundlichen Grenzbeamten grosszügig Zigaretten, wedelte wichtig mit seinen vielen Dokumenten und half uns, die „Departure Card“ auszufüllen – das war’s dann schon! Ein Soldat salutierte, wir umarmten Holger zum Abschied, der Schlagbaum öffnete sich und obwohl wir lieber kräftig aufs Gas gedrückt hätten, verliessen wir das chinesische Staatsgebiet im Schritttempo in Richtung Laos.